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Künstler bearbeiten einen Mythos


Präsentation "Brot schneiden ohne Lotte"
im Stadthaus am Dom

Von Klaus-J. Frahm
 
Wetzlar. "In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von elf zu zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Größe, die ein simples weißes Kleid mit blaßrosa Schleifen an Arm und Brust anhatte." Goethes Beschreibung von seiner ersten Begegnung mit Charlotte Buff wurde von Kaulbach zu einem berühmten Bild umgesetzt. Zum 250. Geburtstag von Goethes Lotte, den die Stadt Wetzlar mit einem Lottejahr begeht, haben Künstler des Kunstvereins Wetzlar ein gemeinsames Projekt verwirklicht: "Brot schneiden ohne Lotte" heißt die Präsentation im Stadthaus am Dom (bis 6. Juli).
 


Es sind sehr unterschiedliche Objekte und Bilder und ein Video, die sich einem Mythos annähern, den Gert Heiland, 2. Vorsitzender des Wetzlarer Kunstvereins, in seiner Eröffnungsrede thematisierte. So ist das Ziel der Ausstellung nicht die Verklärung der romantischen Lottegestalt, sondern auch eine Spurensuche nach einer realen Person namens Charlotte Buff, die erst elf Geschwister und später 16 eigene Kinder hütete und versorgte. Einer Frau, die las, Briefe schrieb, Klavier spielte, sich um Haushalt und Garten kümmerte. Heiland: "Die Versatzstücke aus dem Heute hier im Raum helfen Ihnen vielleicht dabei, Lotte nicht als entrückte Gestalt zu sehen, sondern aus Mensch aus Fleisch und Blut. Sie wird aktueller und menschlich greifbarer. Und unwillkürlich fragt man sich, was wäre, wenn Lotte heute leben würde?" Die Verbindung zu ziehen, sich die Frage "Und heute?" zu beantworten, sei dem Betrachter überlassen.



 
In der Ausstellung trifft Altbekanntes auf Modernes, Mythos auf Realität. Eine große Tafel, groß genug für die Kinderschar um Lotte, bleibt leer. Brot in traditioneller und aktueller Form wird unterschiedlichst präsentiert. Eine Video-Installation nähert sich der Thematik ebenso wie eine Fotosequenz.
 


Oberbürgermeister Wolfram Dette (FDP) wies auf die Bedeutung Lottes nicht nur für den Dichterfürsten, sondern auch für die Stadt Wetzlar, die im Lottehaus ihr Andenken bewahrt. Und die 60 Gäste der Vernissage erlebten eine Ausstellung in der Lotte - entgegen dem Titel und doch gewollt - sehr präsent ist.

Heilands Fazit: "Wenn wir vergangene Realität hie und da als Wunschbild in uns tragen und Lotte stellvertretend für diese Sehnsucht sehen mögen: Zurück möchte sie keiner", die Zeit ohne Tetrapack, Toaster, Tupperware. Und wenn es heutzutage abends an der Haustür klingele, stehe kein angehender Dichterfürst vor der Tür, wie bei Lotte damals, sondern vermutlich der Pizzabote. Dass der nicht pünktlich zum Ende der Rede in der Tür stand, ruinierte die Schlusspointe nicht wirklich. Auch die Verspätung solcher moderner Serviceleistungen gehört zu unserer Realität heute.

Die Ausstellung im Stadthaus ist bis zum 6. Juli montags 13.30 bis 18 Uhr, dienstags bis freitags 9 bis 13.30 und 14 bis 18 Uhr, samstags 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr und sonntags 10 bis 13.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.


Siehe auch: Schokomilchschnitten passen eher zu Kinderschuhen
 

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