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"Brot schneiden ohne Lotte": Ausstellung des Wetzlarer Kunstvereins im Stadthaus am Dom zum Lottejahr


Schokomilchschnitten passen eher zu Kinderschuhen

Von Ursula Wöll (Gießener Anzeiger, 11.06.2003)
 
Wetzlar. Mit seiner Ausstellung "Brot schneiden ohne Lotte" gibt der Wetzlarer Kunstverein dem Erinnerungsreigen zum 250.Geburtstag der Charlotte Buff eine zeitgemäße Note. 13 Künstler sind an dem Gemeinschaftsprojekt beteiligt, in dem das Brot mit seinen sinnlichen Qualitäten und als Symbol für Nahrung schlechthin gefeiert wird.

Inspiration lieferte die herzige Szene in Goethes "Werther", in der Lotte das Brot für ihre kleinen Geschwister schneidet. Auf sie wird in der Ausstellung mit einer Installation angespielt. Auf einem PC-Bildschirm sieht man Brot schneidende Hände in Endlosschleife. Im Halbkreis davor sind Kinderschuhe von heute gruppiert. Man stutzt und fragt: Gab es zu Goethes Zeiten kein Kindergeschrei und -gerangel? Oder entspringt die idyllische Szene im "Werther" purer Männerfantasie, die Hausfrauenarbeit idealisiert? Heute sind Männer in dem Metier besser bewandert, was der Eröffnungsvortrag des 2. Vorsitzenden des Kunstvereins bewies. Gert Heiland bezweifelte beiläufig, dass Lotte den mehligen Brotleib an ihr Ausgehkleid gepresst haben würde.

Überhaupt, passen denn die modernen Kinderschuhe und das deftige Brot noch zusammen? Eine mögliche Antwort gibt die Schokomilchschnitte, die als Solitär fast sakral auf einem Podest thront. Die Brotkultur insgesamt ist komplizierter geworden. Was früher ein scharfes Messer erledigte, verrichten heute Apparaturen: Die ausgestellten mechanischen Brotschneidemaschinen wirken fast rührend angesichts des technischen Fortschritts, der sie wiederum überholt hat. Die in gleicher Höhe als Fries eingeordneten Gemälde und die Fotoreihen beschwören die sinnlichen Qualitäten das Brotes. Eines fällt durch die Idee auf, die Leinwand unten überhängen zu lassen und mit den Bügelfalten eines Tischtuches zu bemalen. Ein anderes Werk gibt der Bitte "Unser täglich Brot gib uns heute" wieder Sinn, indem es auf den Hunger in Äthiopien hinweist.

In der Mitte des Ausstellungsraumes ist ein weiß gedeckter langer Esstisch platziert, der Erinnerungen an das Vergnügen gemeinsamer Tafelfreuden weckt. Er wurde von den Besuchern der Vernissage sogleich in Beschlag genommen, während der Nachwuchs die ausgestellten Schühchen probierte. Eine wundervoll heitere Ausstellung zum Anfassen also, die ihre Botschaften nicht aufdrängt und von einer enormen Kreativität zeugt, mobilisiert von der abwesenden Lotte.

"Brot schneiden ohne Lotte" im Stadthaus am Dom bis 6.Juli, geöffnet montags 13.30 bis 18 Uhr, dienstags bis freitags 9 bis 13.30 und 14 bis 18 Uhr, samstags 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr, sonntags 10 bis 13 Uhr.


Siehe auch: Präsentation "Brot schneiden ohne Lotte" im Stadthaus am Dom
 

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