Wetzlarer
Kunstverein

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Jubiläum 2004
Wetzlarer Kunstverein
Ausstellung von
Ingrid Hermentin
in Wetzlar


Verborgenes im Raum der Pixel


Wetzlar/Marburg. Großformatige Werke, drapiert hinter Plexiglas. Schemenhafte Ausschnitte, Zeichen und Zahlen. Was auf den ersten Blick wie verfremdete Fotos wirkt, sind elektronische Abbilder lebender Menschen. Die Künstlerin Ingrid Hermentin hat Gesichter von Menschen – auch ihr eigenes – direkt eingescannt, versetzt die gescannte fleischliche Physiognomie unmittelbar in eine digitale Codierung. "Codes und Transkriptionen – das Leben als Datensatz" heißt die Ausstellung von Ingrid Hermentin, die ab 17. November im Kunstverein Wetzlar zu sehen ist.

Ingrid Hermentin

Das elektronische Bild wird im PC gespeichert, weiterverarbeiten, manipuliert. Hermentin erzielt Mehrdeutigkeit durch Überlagerungen, die sie mit Hilfe von flüssigem Gel ästhetisch verfremdet. Zeichen, Spuren, Botschaften werden eingeblendet, grafische Techniken genutzt.

In ihren virtuellen Projektionen von Gesichtern beschränkt sich die Künstlerin auf den Teil des menschlichen Körpers, der die Individualität der Person am deutlichsten ausdrückt. Doch gefangen im Netz der Codes und Manipulationen ausgesetzt, zieht sich das genetisch entblößte Individuum zurück ins Undeutliche, das Objekt des Zugriffs geht hinter einem Verhau aus Symbolen auf visuelle Distanz, verbirgt sich in den Tiefen der Pixel-Räume.

Nicht um die Reduktion des Menschen zur Maschine gehe es ihr, sagt Hermentin, nicht darum, die Identität aufzulösen, sondern darum, die Unergründlichkeit des Menschen, gerade angesichts der vermeintlich objektivsten Darstellung in der menschlichen DNS, dem genetischen Code, zu demonstrieren (DNS steht für Desoxyribonukleinsäure, bei DNA steht das A für das englische Acid = Säure).

Im multimedialen Zeitalter durchdringen sich Kunst und Technik immer stärker, erkennt Hermentin. Was zählt, ist nicht mehr allein das Handwerk, sondern auch das Konzept. Die Marburger Künstlerin jedenfalls sieht ihre computergenerierten Arbeiten als ästhetische Reflexe auf die *Wirklichkeit" einer medial und wissenschaftlich-technisch angelegten Welt, Wissenschaftsästhetik, so Dr. Harald Kimpel. Sie spannt mit ihren seriellen technischen Bildern einen ästhetischen und kritisch-reflektorischen Bogen vom "human genome project" über die Stammzellforschung bis hin zur medialen Vernetzung.

Ihre Serien sind "Transkriptionen" (Übertragungen) realer Körper in virtuelle Oberflächen, genetischer Sequenzier-Gele in Informationszeichen und philosophischer Texte in computergenerierte Codes. Jedes Bild, das in höchstens drei Kopien den großen Tintenstrahldrucker verlässt, ist ein Endprodukt – und zugleich doch nur das Zwischenergebnis eines Prozesses. Kunst als Spiegelbild der Gentechnik.

Schwere Kost? Gewiss! Aber ein notwendiger Denkanstoß in einer Zeit, in der das Feststellen der technischen Möglichkeiten immer lauter und die Warnung davor, alles Machbare auch umzusetzen, immer leiser wird. Die Ausstellung "Codes und Transkriptionen" wird am 17. November, 18 Uhr, im Kunstverein Wetzlar (Galerie im Kreishaus, Karl-Kellner-Ring) eröffnet. Einführende Worte spricht Dr. Harald Kimpel.

Gert Heiland in der "Wetzlarer Neuen Zeitung"


 
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